Gewölbemalereien in der Krypta der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg

Forschungsprojekt und Umsetzung der Konservatorischen Konzeption

 

Die romanischen Gewölbemalereien der Stiftskirche St. Servatius sind die wohl bedeutendsten mittelalterlichen Wandmalereien Sachsen- Anhalts und gehören seit 1994 zusammen mit den königlichen Gräbern Heinrichs I. und seiner Gemahlin Mathilde im Ostteil der Krypta als Teil der Stiftskirche zum Weltkulturerbe der Stadt Quedlinburg. In ihrem zwar fragmentarischen aber weitestgehend unverfälschten Zustand sind die Malereien ein einmaliges Zeugnis für die ursprüngliche farbige Gestaltung der romanischen Basilika.

Der besorgniserregende Erhaltungszustand der Gewölbemalereien gab den Anlass zu einem umfangreichen Forschungsprojekt, das seit August 2001 in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt (Dr. Thomas Danzl) durch die Hochschule für Bildende Künste Dresden verwirklicht wird, mit dem Ziel, ein langfristiges Konzept für die Erhaltung der Malereien zu entwickeln und nach Behebung aller schadensrelevanten Faktoren eine Öffnung der Krypta für den Besucherverkehr zu ermöglichen.

Die Arbeiten der Vergangenheit konzentrierten sich auf die Erstellung einer umfassenden Objektanalyse und Bestandserfassung und beinhalteten eine

 

  • fotographische [1] und kartographische [2] Dokumentation und Zustandserfassung,

  • Kunsthistorische [4] und  maltechnische Untersuchungen [5],

  • Erfassung raumklimatischer [3] und schadensrelevanter Faktoren [6],

 

Weitere Forschungen konzentrierten sich auf die Wirkung der in den 60er Jahren eingebrachten Kunststoffe. Diese konnte belegen, dass die Malereien durch die synthetischen Polymere und daraus resultierender mikrobiologischer Besiedlung stark in ihrem Erhalt gefährdet sind. Zusätzliche Schadensfaktoren sind in der prekären klimatischen Situation des Raumes und der Belastung durch bauschädliche Salze zu sehen.  Ein erhöhtes Schadenspotential wurde zudem in der Kombination materialspezifischer Zuschläge des Putzes und der starken Vergipsung der Oberfläche erkannt.

Blick in das Kreuzgradgewölbe der Krypta

Feld VIII-2, Otto I.

Auf Grundlage des im Rahmen der Diplomarbeit 2004 [7] entwickelten Konzeptes konnte im August 2004 mit der konservatorischen Bearbeitung der Gewölbemalereien im ersten von insgesamt drei geplanten Teilabschnitten im Osten der Krypta begonnen werden. Die bis dahin erarbeiteten Erkenntnisse zu Wirkung und Umsetzung verschiedener Behandlungsmethoden wurden einer erneuten Kontrolle unterzogen. Die hierbei erhaltenen Ergebnisse führten zu einer Aufstellung konzeptioneller Maßgaben für die konservatorische Behandlung.

Die Sicherung der Malereien und eine präventive Stabilisierung standen hierbei im Mittelpunkt. Dies beinhaltete eine Wiederherstellung der porösen Eigenschaften des mineralischen Gefüges, sowie dessen thermischen und hygrischen Gleichgewichts und die Konsolidierung gefährdeter Bereiche durch folgende Maßnahmen:

  • Abnahme kunststoffhaltiger Retuschen und gipshaltiger Kittungen

  • Behandlung mikrobieller Besiedlung

  • Verkleben und Niederlegen von Schollen und Blasen

  • Reduzierung eingebrachter Kunststoffe

  • Strukturelle Festigung des Putzes

  • Hinterfüllung gefährdeter Hohlstellen

  • Reduzierung und Umwandlung des Calziumsulfats oberflächennaher Bereiche

  • Reduzierung leichtlöslicher Salze

Feld II, UV- Aufnahme, Kunststoffe sind anhand weißer Läufer sichtbar

Anfärbung von PVAC, Dünnschliff, linear pol., Bildbreite ca. 2,5mm. Schädigung der Malerei durch aufliegenden verprödeten Kunststofffilm.

Das Ziel einer schonenden und effektiven Reduzierung eingebrachter Kunststoffe stand im Mittelpunkt bei der Entwicklung des sogenannten Niederdruckverfahrens. Mittels eines Kompressensystems wurde eine Lösung der im Gefüge befindlichen Kunststoffe erreicht. Ein über der Malereioberfläche erzeugtes Vakuum führte zur Entleerung der Poren und zum Abtransport der Kunststofflösung. Die berührungsarme Methode stellt den Schutz sensibler Wandmalereioberflächen sicher und vermeidet durch den Verzicht einer mechanischen Oberflächenreinigung die Gefahr des Abriebs sich lösender Partikel. 

 

Die Öffnung des Porenraumes konnte durch die Überprüfung des Wassereindringverhaltens an ausgewählten Testpunkten anschaulich belegt werden. Sie ist in erster Linie auf die Reduzierung der synthetischen Polymere zurückzuführen. Die leicht verringerte Farbtiefe der Malereioberfläche ist ein Resultat dieser Maßnahme. Sie entspricht jedoch dem Charakter des mineralischen porösen Systems Wandmalerei.

Durch die Reduktion bauschädlicher Salze kann mit einer langfristigen Verminderung schadensdynamischer Lösungs- und Kristallisationsprozesse gerechnet werden. Ebenso ist durch die Reduzierung der Kunststoffe und die Gipsumwandlung eine dauerhafte Stabilisierung des Gefüges zu erwarten. Die Verminderung thermischer und hygrischer Spannungen und die Wiederherstellung der Austauschfunktion der Wandmalereioberfläche ist dabei ein wesentlicher Ausgangspunkt für die präventive Sicherung des Bestandes.

REM, Anreicherung von Gips in schichtsilikatischen Zuschlägen

Konsolidierung einer aufstehenden Blase.

Ziel der restauratorischen Maßnahmen war die Wiederherstellung eines allgemein befriedigenden ästhetischen Gesamteindrucks. Folgende Maßnahmen waren im Bezug auf eine Präsentation der Gewölbemalereien erforderlich:

  • Ergänzung von Fehlstellen im malereitragenden Mörtel

  • Integration von Fehlstellen durch Retusche

Als weiterführende Zielstellung ist eine klimatische Stabilisierung des Raumes und die damit verbundene Behebung baulicher Mängel sowie eine Regelung des Besucherverkehrs von entscheidender Bedeutung. Des weiteren sollte zukünftig eine kontinuierliche Kontrolle der Malereien im Rahmen eines Wartungsprogramms erfolgen, mit der es möglich ist, frühzeitig auf bestehende Missstände zu reagieren.

 


[1] Asmus Steuerlein, Fotograf, HfBK Dresden.

[2] Stefan Klotz, Christian Schirmer, Arnulf Dähne, Kerstin Risse, u.a..

[3] In Zusammenarbeit mit dem Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen (IDK) in Sachsen und Sachsen- Anhalt e.V., Dipl.-Ing. Kalisch.

[4] Unger, Gabriele: Die romanische Wandmalerei in der Krypta von St. Servatius in Quedlinburg, Diss. TU Berlin, in Bearbeitung.

[5] Ewert, Henry: Untersuchungen zur Maltechnik der Gewölbemalereien in der Krypta der Stiftskirche St. Servatius zu Quedlinburg, Seminararbeit 2003/04.

[6] Lehmann, Martin: Kunststoffe in der Konservierung von Wandmalerei, Die Gewölbemalereien in der Krypta der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg, Untersuchungen zum Einfluss eingebrachter Kunststoffe der Konservierung in den 1960er Jahren, Seminararbeit HfBK Dresden 2003.

[7] Lehmann, Martin: Die Gewölbemalereien in der Krypta der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg, Erstellung eines Konservierungs- und Restaurierungskonzeptes, Diplom 2003/04 HfBK Dresden.

Bearbeitungszeitraum: 2001 bis 2006
Auftraggeber: Land Sachsen Anhalt
Auftragnehmer: HfBK Dresden
Projektbeteiligte: 

Dipl. Restaurator Martin Lehmann, Dresden (Baustellenleitung)

Prof. Heinz Leitner M.A., HfBK Dresden

Landesamt für Denkmalpflege Sachsen- Anhalt, Dr. Thomas Danzl

Gabriele Unger, Dresden

Stephanie Bogin M.A., London

Dipl. Restaurator Henry Evert, Dresden

Dipl. Restauratorin Anja Romanowski, Dresden

Dipl. Restauratorin FH Franziska Peker, Stendal

Christian Schöggel, Wien

Gerhard Mayr, Wien

Dipl. Kartographin Kerstin Risse, Dresden

Dipl. Restaurastor Arnulf Dähne, Dresden

 

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