Wenn eine Taube zum Adler wird

Internationale Denkmalpflege- und Konservierungs- Experten geraten in Quedlinburg ins Staunen

Von unserer Redakteurin rita kunze

 

Quedlinburg/MZ Aufgeregt wie Kinder, die eine geheimnisvolle Entdeckung machen, stecken die Denkmalpflege- Experten die Köpfe zusammen. Sie vollführen dabei seltsame Verrenkungen, halten die Hände hoch, damit das gleißende Licht der ringsum aufgestellten Strahler nicht zu ihrem Wunder vordringt. Nur der Schatten lässt sehen, was sich im Hellen versteckt: der Kopf eines Löwen der vor rund tausend Jahren an die Decke der Krypta in der Quedlinburger Stiftskirche gemalt wurde.

Das königliche Tier ist nur noch im Fragment erhalten, und selbst das lässt sich lediglich erahnen. Der Laie hat Mühe. Doch beim Anblick dieser blassroten Linien Auge, Kinn, ein Mähnenansatz - gerät die Fachwelt in Verzückung. Die Experten wandeln durch die Krypta wie durchs Wunderland. Aufhorchen lässt sie vor allem, wie die in Deutschland einzigartige Wandmalerei konserviert wird. Am Donnerstag trafen sich rund 30 Kunstgeschichtler, Denkmalpfleger und Konservatoren aus England, Belgien, Deutschland, Österreich, Tschechien und den USA zu einer Fachtagung in Quedlinburg, um sich über die Arbeit in Quedlinburg zu informieren.

 

Fachwelt ist sich einig

In einem Grundlagen-Forschungsproiekt beschäftigen sich Studenten der Hochschule für Bildende Künste Dresden mit dem Erhalt der Darstellungen von Heiligen und historischen Persönlichkeiten aus der Zeit der Ottonen. Angestrebt ist eine dauerhafte Konservierung der stark beschädigten Malerei. Die Konzeption dazu, so Prof. Heinz Leitner aus Dresden, sei „überraschenderweise ohne große Widersprüche" der internationalen Kollegen aufgenommen worden. Mehr noch: „Sie wurde durch die Bank gutgeheißen." Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Meinungen der Fachwelt zu diesem Thema eher geteilt sind.

In der Krypta wird dem Kampf gegen den Verfall „zum ersten Mal modellhaft begegnet", sagt Leitner. Extrem starke Beschädigungen durch Algen, Pilze und Nachfolgeschäden durch eine Kunststoffkonservierung sind ein europaweites Problem, für das die Dresdner Hochschule nun eine Lösung gefunden zu haben scheint.

 

Kampf dem Kunststoff

Martin Lehmann, inzwischen freischaffend tätig, hat im Rahmen seiner Diplomarbeit ein mehrstufiges Vorgehen entwickelt. Zunächst geht es an die Festigung und Sicherung der Malerei auf einem Untergrund, der sich durch Mauersalze und Umwelteinflüsse wölbt und vom Stein löst. Danach wird mit einem Lösungsmittel der Kunststoff reduziert, der einst zur Sicherung gedient hat - und nun Schaden anrichtet. Er wird aus dem Grund quasi „herausgesaugt". Eben das stieß auf Beachtung, betont Thomas Danzl vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalts, der gemeinsam mit Prof. Leitner das Projekt leitet. Einmal mit Kunststoff konserviert, sei es schwer, die Malerei zu retten. So habe es bisher geheißen. In Quedlinburg werden Skeptiker nun eines Besseren belehrt.

In einem nächsten Schritt geht es an die mineralische Verfestigung des Ganzen - weg vom Kunststoff, hin zu einer kalkähnlichen Substanz. Und damit in gewisser Weise auch wieder zurück zum ursprünglichen Zustand. Martin Lehmann: „Die Malereien haben so 800 Jahre überstanden. Das zeigt, dass wir mit dieser Methode auf dem richtigen Weg sind."

 

 

Die Konservierungen in der Krypta in aufwendiger Kleinarbeit. Der erste Abschnitt ist bereits abgeschlossen.

Neugier auf mehr

Abschließend werden dann Fehlstellen in den Malereien ergänzt. Allerding soll damit nur die so genannte „Lesbarkeit" der Bilder verbessert werden. Konturen sind deutlicher zu erkennen, die Farben werden etwas stärker sein - der „Gilbeffekt" ist dann verschwunden -, aber die Fragmente bleiben als solche bestehen. Was die Zeit mit sich nahm, bleibt verloren.

2006 soll die Konservierung abgeschlossen sein. Doch schon in ihren Anfängen verhilft sie etwa Kunsthistorikern zu neuen Erkenntnissen. Was sie vorher nur vermuten konnten, lässt sich jetzt eindeutig sagen. Das beste Beispiel gibt ein Abbild eines Vogels im Ring von vier - mittlerweile verloschenen - Evangelistensymbolen. Zunächst wurde angenommen, es handele sich dabei um eine Taube. Inzwischen sind sich die Fachleute einig, einem Adler vor sich zu haben. Wegen des Schweifs, der nun zu sehen ist. Adler? Taube? Das Gefieder überzeugt beiweitem nicht jeden: "Es gibt auch andere Evangelistensymbole mit Flügeln", wirft eine Dame ein, die die Disskussion beobachtet hat. Die Adler Befürworter bleiben bei ihrer These. Thomas Danzl ist neugierig: "Wer weiss, was wir noch alles finden!"

 

Klimawechsel

Nach der Konservierung der Wandmalereien soll die Krypta der Stiftskirche wieder der Öffentlichkeit zugänglich sein. Um die Kostbarkeiten zu schonen, wird ein Pflegekonzept entwickelt. Unter anderem werden die Wegeführung für Besucher durch die Krypta überprüft und ein Lichtkonzept erstellt, zum anderen soll eine so genannte passive Klimatisierung vor Schäden schützen. Dazu werden u.a. die Fenster so abgedichtet, dass keine Nässe mehr eindringen kann. Gleichzeitig soll mit der Sanierung der Mauern am Schlossberg einem Eindringen von Feuchtigkeit vorgebeugt werden. Bis zu ihrer Schließung war die unbeleuchtete Krypta bei Führungen durch das Öffnen der Türen erhellt worden, was die Beschädigungen beschleunigte. Das soll in Zukunft ausgeschlossen werden.

 
   

zurück